Patientenbedürfnisse in der Physiotherapie

Kennen Therapeuten die Kernbedürfnisse ihrer Patienten gut genug?

Die Frage, was für Patienten im Verlauf einer Therapie wichtig ist bzw. welche Wünsche und Erwartungen sie haben, stellt sich jeder Physiotherapeut. Wenn man Therapeuten fragt, welche Kompetenzen ihre Patienten bei der Therapie besonders wichtig finden, bekommt man oft fachliche Antworten. Als Antworten werden dann Dinge genannt wie: „Therapeut hat viele Fortbildungen“, „viel Erfahrung“, „großes Wissen über Erkrankungen“, „gute Untersuchungskompetenzen“, „Fingerspitzengefühl“, etc.

 

Zufriedene Patienten durch gelingende Kommunikation

Was wäre Ihnen  bei einem Therapeuten am wichtigsten? Dass er sich gut mit Krankheitsbildern auskennt? Dass er ausgezeichnete anatomische Kenntnisse hat? Die passenden Übungen findet? Gleichzeitig sind Betroffene i.R. aufgrund fehlenden Fachwissens kaum in der Lage die Kompetenzen eines Therapeuten tatsächlich adäquat zu beurteilen. Für viele Patienten scheinen deshalb zunächst die empathischen Fähigkeiten und Kompetenzen in der Kommunikation des Therapeuten wichtig zu sein. Eine Untersuchung von Andrea Dehn-Hindenberg aus dem Jahr 2007 (1) kam zu folgendem Ergebnis: Eine gute Therapiebewertung wird maßgeblich von der Kommunikation und dem empathischen Verhalten des Therapeuten beeinflusst. Für den untersuchten Patienten sind umfassende Informationen und Erklärungen zu der Erkrankung, zu Möglichkeiten der Selbsthilfe und über Behandlungsmethoden von besonderer Bedeutung.

 

Um die Therapie als gut zu bewerten, war den Patienten in dieser Studie besonders wichtig:

  1. Die Informationen, die vom Therapeuten an den Patienten übermittelt wurden.
  2. Das Gefühl vom Therapeuten, auch verstanden zu werden.
  3. Das Einfühlungsvermögen des Therapeuten in der Therapie.
  4. Der von den Patienten wahrgenommene Therapieerfolg hatte einen eher geringen Stellenwert.

Zwei Praxisbeispiele zur Verdeutlichung:

Max Müller ist 60 Jahre alt und in Rente. Er hat immer gerne und viel gearbeitet. Aufgrund seiner anhaltenden Hüftbeschwerden musste er jetzt an der Hüfte operiert werden. Es ist das erste Mal, dass er überhaupt in Kontakt mit einem Therapeuten kommt. Max ist verunsichert und erwartet jemanden, der ihm bei seinen Beschwerden weiterhelfen kann. Sein Therapeut nimmt sich Zeit, hört sich seine Beschwerden an und erklärt ihm genau, was jetzt nach der Operation zu tun ist. Max fühlt sich seitdem gut betreut und sicherer als zu Beginn der Therapie. Für Max war besonders wichtig, dass ihm der Therapeut im ersten Termin aufmerksam zugehört hat und die Planung der Therapie mit ihm gemeinsam erarbeitet wurde.

 

Franzi Mayer, 22 Jahre, ist durch ihre Multiple Sklerose in ihrem Leben häufig bei Physiotherapeuten in Behandlung gewesen. Durch regelmäßige Physiotherapie hat sie ihre Beschwerden gut im Griff. Sie stellt sich bei einer Weiterbildung als Beispielpatientin zur Verfügung. Franzi stellt fest; Sie wird kaum wahrgenommen, wenn die Studenten um sie herum diskutieren. Für die Studenten ist es eine wahre Freude, sie können sich austauschen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und welche davon die beste sei. Keiner der Studenten kommt auf die Idee, Franzi mit in die Diskussionen einzubeziehen und sie an den Überlegungen teilhaben zu lassen. In diesen Momenten reden alle über sie statt mit ihr, Sie fühlt sich  ignoriert und unwohl. Sie wird sich zukünftig wohl nicht mehr als Beispielpatientin zur Verfügung stellen.

 

Patienten werden häufig mit in kurzer Zeit mit zu vielen Informationen überflutet

Häufig berichten Patienten mit Informationen überflutet zu werden, ohne die Möglichkeit zu bekommen auf die einzelnen Informationen oder Fragen einzugehen. Gerade in Zeiten von Therapiebudgetierungen und Regressdrohungen gilt: Zeit ist Geld. Das Gespräch mit den Betroffenen wird dadurch auf ein Minimum reduziert. Dabei ist ein gutes Gespräch wie ein Tennisspiel: Man spielt sich gegenseitig den Ball zu. Das heißt, nachdem etwas gesagt wurde, sollte dem gegenüber auch die Möglichkeit gegeben werden, darauf zu antworten. Die meisten Menschen können sich nur wenige Informationen merken und auch umsetzen. Werden zu viele Informationen in kurzer Zeit vermittelt, können viele Menschen dem Inhalt nicht mehr folgen. In der Medizin wird häufig mit Fachbegriffen gearbeitet, die für „Nicht-Mediziner“ schwer verständlich sind. Für viele Patienten ist es daher sehr verunsichernd oder beängstigend nicht alles verstanden zu haben. Schließlich geht es um nicht weniger als die eigene Gesundheit. Angst und Unsicherheit sind für eine positive Entwicklung der Beschwerden hinderlich.

 

Therapeuten sind häufig "Übersetzer" und "Erklärer" für Medizinisches Kauderwelsch

Wir Therapeuten sind für unsere Patienten „Übersetzer“ und „Erklärer“ in der Therapie, dadurch lässt sich Angst reduzieren und Sicherheit gewinnen. Gerade deshalb ist es in der Physiotherapie so wichtig, den Patient und seine Gedanken, Wünsche und Ängste kennenzulernen. Das Gespräch mit ihm dient nicht nur dem „Informationsgewinn“ zur späteren „Analyse“ der körperlichen Beschwerden, es ist auch wichtig, um die Wünsche, Erwartungen, Ängste und Hoffnungen des Betroffenen zu erfahren. Diese müssen anschließend im Prozess der Therapie adressiert werden. So finden Therapeut und Patient im gemeinsamen Gespräch zu einem befriedigenden Therapiekonzept mit gutem Behandlungsergebnis.

 

Empathie und Zugewandtheit scheinen Patientenzufriedenheit zu verbessern

Eine empathische und dem Patienten zugewandte Art scheint hohen Einfluss auf die Zufriedenheit der Patienten zu haben. Das lässt sich auch aus den Patientenbewertungen verschiedener Bewertungsportale für Physiotherapeuten im Internet erkennen. Hier ein paar Originalauszüge aus dem Bewertungsprofil eines Physiotherapeuten:

 

„Dort kümmert man sich nicht nur um das medizinische Problem, sondern auch um den Menschen!“.

„Kompetente Aufklärung – einfühlsame Betreuung – erfolgreiche Behandlung“.

„Der Therapeut hat immer wieder die Stärke meines eigenen Körpers betont, sodass mein Selbstvertrauen deutlich dazu gewonnen hat“.

 

Viele Therapeuten arbeiten aus ihrem Bauchgefühl heraus schon lange daran, ihre Kommunikation an die Patienten anzupassen. Umso erfreulicher ist es, dieses Bauchgefühl durch Untersuchungen bestätigt zu sehen. Es bestätigt uns Therapeuten, weiter an uns als Menschen und an unserer Kommunikation zu arbeiten. Mit den Erkenntnissen aus aktuellen Untersuchungen (2) sollte jeder Therapeut verstärkt an den eigenen „Soft Skills“ zu arbeiten. Ein guter Physiotherapeut kennt eben nicht nur Muskeln und Knochen, sondern auch die Bedürfnisse seiner Patienten.

 

Zugewandte und empathische Kommunikation auf Augenhöhe verbessert die Patientenzufriedenheit. Therapeuten sollten die zwischenmenschliche Ebene als gleichwertigen Teil der Behandlung betrachten und sich entsprechend Qualifizieren.

 

Quellenangabe:

(1a) Dehn-Hindenberg, A. (2007). Patientenbedürfnisse in der Physiotherapie. pt_Zeitschrift Für Physiotherapeuten, 59(7)
(1b) Buch: Patientenbedürfnisse
in der Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie

(2) Testa, Rossettini Man. Ther. 2016 Enhance placebo, avoid nocebo: How contextual factors affect physiotherapy outcomes.