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Die Patientenrolle im Wandel der Zeit

Von passiven Konsumenten zu Koproduzenten von Gesundheit

In den letzten Jahrhunderten hat sich neben dem gesamten System der Gesundheitsversorgung in Deutschland auch die Patientenrolle verändert. Die Veränderungen betrafen nicht nur Politik und Institutionen, sondern auch die im Gesundheitssystem beschäftigten Professionen sowie deren PatientInnen. Die Rollenbilder der verschiedenen Gesundheitsberufe haben sich den veränderten Rahmenbedingungen scheinbar nur unzureichend angepasst. Dies führt zu Problemen in der Versorgung der PatientInnen.

In diesem Artikel soll auf die Veränderung der Rolle der PatientInnen und der damit einhergehenden Veränderung der Beziehung zwischen PatientInnen und behandelnden Fachpersonen eingegangen werden.

Abbildung einer Ärztin aus dem Jahr 1990 zeigt eine Ärztin die auf dem Tisch gegenüber einer Patientin sitzt.
Abbildung einer Ärztin aus dem Jahr 1990
Abbildung einer Ärztin aus dem Jahr 2019, Ärztin spritzt Mann in den Arm
Abbildung einer Ärztin aus dem Jahr 2006

Das erfährst du über die Patientenrolle im Artikel

  • Verändertes Rollenverständnis von Fachpersonal und Patienten
    • Interaktionsgesteuerte Medizin
    • Hierarchische Medizin
    • Netzwerkförmige Medizin
  • Patienten als aktive Koproduzenten von Gesundheit
    • Zentrale Begriffe: Compliance, Non-Compliance und Adhärenz
  • Kosten durch mangelnde Mitarbeit, Compliance, Adhärenz
  • Patientencoaching als unterstützende Maßnahme
    • Die Grenzen von Patientencoaching
    • Patientencoaching – Coachen wir die falschen?

Das Rollenverständnis von Behandlern und Patienten verändert sich

Von der ursprünglich von Parsons (1951, S. 428–479) beschriebenen Rollenverteilung von ÄrztInnen und PatientInnen (paternalistisches Prinzip) wird insbesondere durch die Zunahme der chronischen Erkrankungen immer häufiger abgewichen (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 16). Die klassische Patientenrolle scheint vornehmlich bei chronischen Erkrankungen ungeeignet, da sie auf Akuterkrankungen und dem Prinzip der Erholung und Restitution beruht (Haker & Rössler, 2005, S. 6; Haslbeck & Schaeffer, 2007, S. 87; Schaeffer, 2011, S. 4; Schaeffer & Haslbeck, 2016, S. 369).

Historisch lässt dich die Medizin in drei Phasen einteilen (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 14):

  • die interaktionsgesteuerte Medizin
  • die hierarchiegesteuerte Medizin
  • die netzwerkförmige Medizin

Interaktionsgesteuerte Medizin

In der interaktionsgesteuerten Medizin (bis Ende 18. Jh.) fanden ärztliche Privatkonsultationen vornehmlich im häuslichen Umfeld statt. Der Arzt begegnete den Patienten auf Augenhöhe im Sinne eines Dienstleisters. Für eine erfolgreiche Behandlung waren PatientInnen und ÄrztInnen auf eine gelingende Interaktion angewiesen (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 14-15; Lachmund, 1997, S. 13; Lägel, Meyer-Lutterloh, Schmid, Seiler & Weatherly, 2008, S. 30–32).

Hierarchiegesteuerte Medizin

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts veränderte sich das Gesundheitssystem, mit der Einführung von Kliniken, als Form der Gesundheitsversorgung erneut grundlegend (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 15; Foucault, 1975, S. 95–107). Es gab politische Bestrebungen, die Therapie in Kliniken zu zentralisieren und die privatärztliche Praxis abzuschaffen. In den dafür geschaffenen universitären Lehrkrankenhäusern wurden Patienten nicht mehr als kompetente Ansprechpartner wahrgenommen und zusehends als entindividualisierte Krankheitsfälle betrachtet (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 15; Foucault, 1975, S. 95–107; Lachmund, 1997, S. 13; Starr, 2008, S. 35–40).

Die veränderte Finanzierung über die Einführung der gesetzlichen Krankenkassen 1883 veränderte die Rolle der PatientInnen zusätzlich. ÄrztInnen wurden durch ihre gesellschaftliche Aufgabe (Gemeinwohl) und die gemeinschaftliche Finanzierung des Gesundheitssystems legitimiert. PatientInnen wurden zunehmend in eine passive Rolle gedrängt, es kam zur Distanzierung im Beziehungskonstrukt zwischen ÄrztInnen und PatientInnen. Die Beziehung war durch diese Entwicklung geprägt von professionalisierten, eher bürokratischen und anonymen Interaktionen (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 15–16; Parsons, 1951, S. 46–51; Ulmer, 1977, S. 29).

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden PatientInnen Rechte zuerkannt und dem medizinischen Fachpersonal zusätzliche Pflichten auferlegt. Es wurde zu juristischem Standard, dass PatientInnen vor einer Behandlung formalrechtlich aufgeklärt werden. Weiterhin müssen Sie aktiv in die Durchführung der Behandlung einwilligen. PatientInnen und BehandlerInnen waren nun formalrechtlich gleichgestellt („informed consent“). Die Patienten waren aufgrund des unveränderten Rollenverständnisses jedoch weiterhin in Abhängigkeit vom Behandler/in (Schmid, Weatherly, Meyer-Lutterloh & Seiler, 2008; Vogd, W./Schubert, 2011).

Netzwerkförmige Medizin

Mit zunehmender Forschung zu Beginn der 1960er-Jahre zeigten sich Grenzen der Leistungsfähigkeit des hierarchischen Medizinsystems. Es wurde deutlich, dass Informationen oder Verhaltensweisen der PatientInnen großen Einfluss auf die Genesung haben. Auch zeigte sich, dass einige Behandlungsmethoden den PatientInnen sogar Schaden zufügen konnten.

Die Schwierigkeiten, in einer hochtechnologischen und immer mehr spezialisierten Medizin den Zusammenfluss von Informationen zu gewährleisten und dabei noch die Finanzierbarkeit zu erhalten, wurden immer deutlicher. Durch die Differenziertheit der spezialisierten Untersuchungen war es fast unmöglich geworden, ein umfassendes Verständnis des Krankheitsverlaufes zu erhalten (Badura, 1994, S. 255–313; Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 16–17).

Auch die Lebenserwartung veränderte sich, so wurde bereits 1995 festgestellt: „Die Wahrscheinlichkeit eines 80-Jährigen, 100 Jahre alt zu werden, ist in Deutschland seit 1950 um das 20-fache gestiegen.“(Vaupel & Jeune, 1995, S. 109–116; Vaupel & Kistowski, 2005, S. 586). In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt es in der Medizin v.a. Infektionskrankheiten zu bekämpfen, mit steigender Lebenserwartung gerieten die chronischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Krebserkrankungen in den Fokus der Medizin (Vaupel & Kistowski, 2005, S. 591).

Insbesondere diese chronischen Erkrankungen stellen einen immensen Kostenfaktor für das Gesundheitssystem dar. Forschungsergebnisse zeigten, dass für eine erfolgreiche Behandlung das Management der chronischen Erkrankungen durch den Patienten eine wichtige Rolle spielt. Dieser sollte vom passiven Konsumenten von Medizin, zum „Koproduzent seiner Gesundheit“ werden und damit für die Entwicklung seiner Gesundheit maßgeblich mitverantwortlich sein (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016; Donabedian, 1992; Schmid et al., 2008; Vogd, W./Schubert, 2011; Vogd, 2007).

 

Die Therapie chronischer Erkrankungen benötigt eine Zusammenarbeit verschiedenster Professionen, es entwickelte sich ein Netzwerkartiges System aus verschiedenen Akteuren der Gesundheitsversorgung. Zusätzlich entwickelte sich das Informationsangebot für betroffene Patienten weiter.

Heutzutage sind immer mehr Patienten gut informiert und stellen Behandlungsansätze infrage. Der Wissensvorsprung des Arztes ist kleiner geworden, PatientInnen beginnen wieder aktiv an den Entscheidungsprozessen der Therapie mitzuwirken. Zusätzlich konkurrieren verschiedenste Dienstleister auf dem Gesundheitsmarkt, um PatientInnen als Kunden zu gewinnen.

Ärzte sind also wieder deutlich mehr als früher darauf angewiesen, ihren Patienten auf Augenhöhe gegenüberzutreten. Die Beziehung der Ärzte zu den Patienten scheint sich vom „Halbgott in Weiß“ wieder zum Berater des Patienten mit dienstleistungsähnlichen Zügen zu wandeln (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 16–19).

Zwischenfazit zur Veränderung der Patientenrolle

Die Rolle der Patienten im Behandlungsprozess, genauer gesagt im Verhältnis zwischen Fachpersonal und PatientInnen befindet sich weiterhin im Wandel. In der Praxis lässt sich jedoch beobachten, dass dieser Wandel nur sehr langsam vonstattengeht. Als Gründe dafür lassen sich der Mangel an Terminen für die immense Nachfrage der Patienten sowie ein langsamer Wechsel der Ärzte-Generationen vermuten. Die enorme Nachfrage nach Terminen macht es schlichtweg unnötig, sich an den Bedürfnissen der Patienten zu orientieren.

Die Nachfrage füllt die meisten Praxen, ob mit oder ohne Patientenzentriertem Ansatz. Nach den Berichten meiner Patienten scheinen insbesondere Fachpersonen der „älteren Garde“ sich schwer zu tun, das paternalistisch, hierarchische Handlungsfeld zu verlassen und sich auf eine Therapiebeziehung auf Augenhöhe einzulassen.

PatientInnen als aktive Koproduzenten von Gesundheit

Zentrale Begriffe: Compliance, Non-Compliance und Adhärenz

Die Mitarbeit des Patienten im Behandlungsprozess kristallisiert sich v.a. bei der Behandlung chronischer Erkrankungen als unabdingbar heraus. In der Medizin entwickelten sich daraus verschiedene Begrifflichkeiten. Der Begriff der „Compliance“ kann aus dem Englischen am ehesten mit „Therapietreue“ übersetzt werden. Er beschreibt, wie konsequent ärztliche Ratschläge umgesetzt werden (z. B. Medikamenteneinnahme, Diäten etc.). Es handelt sich also eher um einen Ausdruck des paternalistischen oder autoritären Fachpersonen-PatientInnen-Verhältnisses (Bauer, F./Preuß, 2009, S. 25; Gänshirt, D./Harms, 2008, S. 44).

Werden die Ratschläge des medizinischen Fachpersonals nicht eingehalten, spricht man von „Non-Compliance“. Dieses Verhalten kann unbeabsichtigt (häufig z. B. durch Vergessen) oder beabsichtigt sein. Beabsichtigte Non-Compliance kann z. B. durch unklares Verständnis von Erkrankung und Wirkweise der Therapie entstehen. Auch ein gestörtes Fachpersonen-Patienten-Verhältnis führt häufig zu Non-Compliance (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 21–22; Dunbar, 1980, S. 70–87; Meyer-Lutterloh, 2011, S. 21–30).

Der Begriff Compliance wird zunehmend vom Begriff der Adhärenz ergänzt. Die Trennschärfe zwischen Adhärenz und Compliance ist in der deutschen Literatur häufig nicht gegeben, teils werden diese Begriffe synonym verwendet (Meyer-Lutterloh, 2009, S. 39). Angesichts dessen werden die Begriffe, auch in diesem Artikel, synonym verwendet, obwohl eine Trennung generell empfohlen wird (Meyer-Lutterloh, 2009, S. 39). Der Begriff der Adhärenz soll eine Art Kompromissfindung (partizipative Entscheidungsfindung) zwischen Patienten und Arzt beschreiben.

Die Therapiestrategie wird gemeinsam auf Lebensverhältnisse und Gewohnheiten der Patienten abgestimmt. Für die Fachpersonen bedeutet dies, individueller auf den einzelnen Patienten eingehen zu müssen. Adhärenz drückt also aus, inwieweit sich der Patient an die, mit dem medizinischen Fachpersonal gemeinsam erarbeitete Therapiestrategie hält. Adhärenz wird als wesentliche Bedingung für den Erfolg von Behandlungen angesehen.

Adhärenz ist besonders relevant bei chronischen Erkrankungen, da diese Veränderungen der Verhaltensweisen im Leben der Patienten erfordern. Durch Steigerung von Adhärenz lässt sich die Prognose verbessern (z. B. bei Diabetes) und Kosten reduzieren. Die Adhärenz wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst: vom Komplexitätsgrad der Behandlung, der Höhe der Dosierung (z. B. Medikamente oder auch Intensität von Übungen der Physiotherapie) der Anzahl einzunehmender Tabletten (oder Häufigkeit des Übungsprogramms der Physiotherapie) und durch evtl. auftretende Nebenwirkungen (z. B. Tabletten oder Schmerzen bei Übungen der Physiotherapie).

Auch in der Person des Patienten sind Einflussfaktoren der Adhärenz zu finden, dazu zählen die Dauer der Erkrankung, das Patientenalter, der generelle Zustand der Gesundheit, Neben- oder Folgeerkrankungen, Stress, mangelnde soziale Unterstützung, psychische Erkrankungen, fehlender Selbstwert. Störungen des Fachpersonal-Patienten-Verhältnisses, ungenügende oder fehlerhafte Aufklärung sowie mangelhafte Kommunikation sind ebenfalls häufig Ursachen fehlender Adhärenz (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 21–23; Meyer-Lutterloh, 2011, S. 21–30; Mühlhauser & Müller, 2009, S. 44).

Kosten durch mangelnde Adhärenz bzw. Non-Compliance

Das Ausmaß der entstehenden Kosten durch Non-Compliance ist immens, die Kosten dafür lagen im Jahr 2004 vermutlich bei 15–20 Milliarden Euro. Dies entsprach etwa 10 Prozent der Ausgaben im Gesundheitswesen. Ursächlich für diese Kosten sind das Verhalten des Patienten oder mangelhafte ärztliche Kompetenz in der Betreuung der Patienten (Petermann, 2004, S. 30; Volmer, T./Kielhorn, 1998, S. 45–72). Insbesondere chronisch kranke Personen zeigen eine eher niedrige Compliancerate von etwa 30% (Gänshirt, D./Harms, 2008, S. 44), bzw. 50% (Sabaté, 2003, S. 7–17).

Diese Compliancerate kann sich je nach Krankheitsbild deutlich unterscheiden (Petermann, 2004, S. 31). Chronisch-Erkrankte hatten 1998 einen Anteil von 20 % am Gesamtanteil der Versicherten, nahmen aber etwa 80 % der Versicherungsleistungen in Anspruch (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 24; Volmer, T./Kielhorn, 1998, S. 45–72). Kombiniert man diese Erkenntnisse, wird deutlich, wie viele Kosten sich durch eine Steigerung der Compliance höchstwahrscheinlich einsparen ließen. Zumal der Anteil chronisch Kranker im Verlauf der letzten 10 Jahre weiter gestiegen sein dürfte.

Eine Metaanalyse von Dimatteo (2002, S. 794–811) zeigte, dass sich das Risiko schlechter Behandlungsergebnisse um bis zu 26 % reduzieren lässt, wenn therapeutische Programme von den Patienten auch umgesetzt werden. Vermeire et al (2001, S. 331 – 342.) kam nach drei Jahrzehnten Adhärenzforschung zu dem Ergebnis, dass der einzige prädiktive Faktor für adhärentes Verhalten die Qualität der Beziehung zwischen Behandler und dem Behandelten ist.

Trotz des geführten Diskurses über den nötigen Wandel in der Patientenrolle, scheint dieses Umdenken im Alltag nicht anzukommen. Es dominieren weiterhin die herkömmlichen Interaktions- und Rollenmuster. Insbesondere Ärzte sind im traditionellen Rollenverständnis verhaftet. Dadurch fällt es schwer, die Welt aus Sicht der Patienten zu betrachten, der nötige Perspektivwechsel schlägt fehl (Schaeffer & Müller-Mundt, 2012, S. 44).

Patientencoaching als unterstützende Maßnahme

Probleme in der Compliance lassen sich häufig durch eine veränderte Beziehung zwischen Patienten und Ärzten lösen. Wichtig ist die Neuaufteilung der Behandlungsverantwortung, das Krankheitsmanagement muss von den Patienten aktiv mitgestaltet werden (Petermann, 2004, S. 31).

Auf Patientenseite begünstigen u. a. folgende Faktoren eine schlechtere Compliance:

  • mangelnde Krankheitseinsicht
  • gleichgültige Einstellung
  • schlechte Erfahrungen mit Behandlungen
  • Pessimismus in Bezug auf das Behandlungsergebnis
  • zu hohe oder sehr niedrige Ängstlichkeit
  • Unterschätzung des Schweregrades der eigenen Erkrankung
  • schlechte körperliche Eigenwahrnehmung
  • starke Nebenwirkungen der Behandlung

Auch von ärztlicher Seite kann die Compliance des Patienten negativ beeinflusst werden:

  • Nicht vollständige und- oder unangemessene Aufklärung,
  • Fehler bei Verschreibung oder Dosierung von Medikamenten
  • mangelnde Kommunikation (insbesondere zu wenig Zeit und Verständnis)

Als förderlich für die Compliance und die Arzt-Patienten-Beziehung gelten hingegen:

  • Offenheit, Zugänglichkeit und Freundlichkeit der behandelnden Fachperson
  • Wertschätzende, akzeptierende Grundhaltung gegenüber den Patienten
  • Aktive Einbeziehung des Patienten in die Planung der Therapie
  • Kommunikation auf Augenhöhe ohne Vorschriften
  • Thematisierung persönlicher Erwartungen des Patienten
  • Stetige und aufmerksame Betreuung des Patienten
  • Gutes Vertrauensverhältnis ohne Expertenhaftigkeit

 

Petermann (2004, S. 32) schreibt, „Dreh- und Angelpunkt aller Compliance-Probleme scheint die Gestaltung der Arzt-Patienten-Beziehung zu sein“. So hatten Patienten, die im Gespräch mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin Initiative und Kontrolle ausübten, weniger Fehltage am Arbeitsplatz (Amelung, 2012, S. 288; Kaplan, Greenfield & Ware Jr, 1989, S. 110–127). Compliance ist also nicht nur in hohem Maße von Faktoren des Patienten, sondern auch von Faktoren des Behandlers beeinflusst und muss im Arzt-Patienten-Kontakt immer wieder hergestellt werden.

Dafür sind von ärztlicher Seite weiterführende Kompetenzen der Gesprächsführung nötig (Faller & Lang, 2010, S. 193). Für die Betroffenen ist es insbesondere bei chronischen Erkrankungen nötig, einen Zustand irreversibler und in der Symptomausprägung fluktuierender Zustände von Erkrankung zu bewältigen. Fähigkeiten wie „Selbstbeobachtung, Monitoring von Symptomen, Selbststeuerung und Selbstmanagement“ (Schaeffer & Haslbeck, 2016, S. 244), sind hierbei von großer Bedeutung (Schaeffer, 2004, S. 261–276, 2017, S. 53–70).

Vorhandene Defizite in Bezug auf Wissen und die zum Management der Erkrankungen nötigen Prozesse schmälern ihre Gesundheitskompetenz (Sørensen et al., 2015, S. 1053–1058). Insgesamt ist der nötige Kompetenzzuwachs sowohl bei den Patienten, als auch bei den Gesundheitsprofessionen noch nicht erfolgt (Coulter & Ellins, 2007, S. 24 – 27.; Loh, Simon, Bieber, Eich & Härter, 2007, S. 229 – 235.; Müller-Mundt, 2011, S. 705 – 726.; Schaeffer & Müller-Mundt, 2012, S. 39).

Coulter & Ellins (Amelung, 2012, S. 288; 2007, S. 24–27) kommen zu dem Ergebnis, dass „ein informierter und engagierter Patient eine essenzielle Komponente für eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung“ ist. Patientencoaching, sowie Beratung, die Vermittlung von Informationen, Wissen und Kompetenzen (z. B. Fähigkeiten zum Selbstmanagement oder Problemlösung) haben an Bedeutung gewonnen (Schaeffer & Haslbeck, 2016, S. 244–245).

Ziel des Patientencoaching ist es, Patienten bei ihren Möglichkeiten zur Mitwirkung bei der Krankheitsbewältigung zu fördern. Dadurch sollen bessere Ergebnisse in den Behandlungen, sowie mehr Lebensqualität ermöglicht werden. Wichtig ist der individuelle Ansatz, Interessen als auch Präferenzen des Einzelnen, sowie eine möglichst kosteneffektive Behandlung werden dadurch berücksichtigt (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 30; Meyer-Lutterloh, 2009, S. 37–40; Schmid et al., 2008, S. 30–32).

Patientencoaching setzt auf eine, im v.a. auf die Bedürfnisse des Fachpersonals ausgerichteten Gesundheitssystem wenig beachtete Gesundheitsressource, den Patienten und sein Gesundheitsverhalten. Vielen Patienten ist die Wichtigkeit ihres eigenen Handelns im Behandlungsprozess nicht bewusst, sie sind es aus der Vergangenheit nicht gewöhnt, sich in aktiv den Therapieprozess einzubringen (Bareiß Andreas, Meister Anne, 2016, S. 30; Meyer-Lutterloh, 2009, S. 37–40).

Im Rahmen des Coachings sollten die individuellen Ziele des Patienten geklärt werden und wie der Coach bei den Prozessen von Verhaltensänderung, Selbstmanagement und Ausbildung von Fähigkeiten unterstützen kann. Ziel ist es, Effizienz, Effektivität und die Ergebnisse von Behandlungen zu optimieren. Hierbei wird die individuelle Perspektive des Patienten berücksichtigt, als auch die Ressourcen des Solidarsystems sinnvoll eingebunden.

Am Ende sollen die Patienten in der Lage sein, eigene Gesundheitsziele zu erkennen und zu erreichen. Die Faktoren des Erfolges beim Patientencoaching liegen vermutlich, vorwiegend in der aufgebauten Vertrauensbeziehung zum Patienten und der genaueren Zielsetzung und Umsetzungsplanung (Amelung, 2012, S. 289). Patientencoaching hat sich in Untersuchungen aus den USA als umsetzbar und kosteneffektiv erwiesen (Gold & Kongstvedt, 2003, S. 1–4).

Die Grenzen von Patientencoaching

Das Prinzip des Patientencoaching fußt v.a. auf der Bereitschaft des Patienten zur aktiven Mitarbeit und Übernahme der Verantwortung für seine Gesundheit. Ist ein Patient dazu nicht gewillt, ist ein gelingendes Patientencoaching nicht möglich. Bestimmte Patientengruppen profitieren mehr von einer strikten Führung, für sie ist Patientencoaching nicht das richtige Mittel (Meyer-Lutterloh, 2009, S. 37–41; Schmid et al., 2008, S. 30–32). Zur Lösung akutmedizinischer Notfälle ist Patientencoaching ebenfalls nicht geeignet (Meyer-Lutterloh, 2009, S. 41).

Insgesamt scheint es so, als sei der Wandel des Rollenverständnisses noch nicht in der Praxis angekommen. Starre Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems erschweren die Umsetzung, es bleibt wenig Möglichkeit zur Kommunikation (häufig schlicht zu wenig Zeit). Eine Begleitung oder Förderung von Patienten und ihren Kompetenzen gestaltet sich folglich schwierig (Schaeffer & Müller-Mundt, 2012, S. 39). Bei weniger intellektuellen Patientengruppen haben rein kognitive Strategien durch mündliche Erläuterungen auf Basis rationaler Entscheidungsfähigkeit häufig fast keine Wirkung (Schaeffer & Müller-Mundt, 2012, S. 39).

Bildungsschwache Patientengruppen können Ärzten häufig nicht auf Augenhöhe begegnen (Quenzel & Schaeffer, 2016, S. 157–174; Sigg, 2017, S. 840). Auch kann nicht jeder Patient ein „effective self-manager“ (hohe Gesundheitskompetenz, hohes Empowerment) werden (Sigg, 2017, S. 841). Generell sollte das System der Gesundheitsversorgung deutlich mehr auf die Bedürfnisse der Patienten eingehen.

Es wird empfohlen, die Gesundheitsversorgung von ärztlicher Zentrierung hin zu Patientenzentrierung zu verändern (Sacristán, 2013, S. 6; Sigg, 2017, S. 841). Auch die kommunikativen Fähigkeiten der Gesundheitsprofessionen sollten verbessert werden (Petermann, 2004, S. 30–32; Schaeffer & Müller-Mundt, 2012, S. 44).

Patientencoaching – Coachen wir die falschen?

In meiner praktischen Tätigkeit als Physiotherapeut erlebe ich bei meinen PatientInnen den großen Wunsch, sich in die Behandlung einzubringen. Eine wertschätzende Kommunikation auf Augenhöhe unter Einbezug der Vorstellungen, Ziele und Wünsche der Betroffenen wird gewünscht und meist dankbar angenommen. Das Engagement der Patientin ist mehrheitlich sehr groß. In der gemeinsamen Arbeit mit meinen PatientInnen sind die auftauchenden Hemmnisse überwiegend eher durch das Gesundheitssystem selbst erzeugt.

Häufig berichten Patienten über negative Erlebnisse im Kontakt mit medizinischem Fachpersonal. Aufgrund der Häufigkeit dieser Berichte scheinen negative Kommunikation, Bagatellisierung und teils auch abwertendes Verhalten eher die Norm als die Ausnahme darzustellen.

An manchen Tagen habe ich fast den Eindruck, es sind weniger die Patienten, die ein Coaching benötigen, sondern eher das Fachpersonal, das mit den PatientInnen arbeitet. Ein Patientenumgang mit Augenhöhe, Wertschätzung und Zugewandtheit könnte es vielen Betroffenen ermöglichen, im Behandlungsprozess besser mitzuarbeiten.

Aus dieser Überzeugung heraus schreibe ich Artikel zu diesen Themen und arbeite als Dozent mit medizinischem Fachpersonal zum Thema patientengerechter Kommunikation und Gesundheitscoaching.

Autor: Dominik Klaes, Physiotherapeut in Heidelberg

Dominik Klaes Physiotherapeut und Krankengymnast in Heidelberg
Physiotherapeut Dominik Klaes

Dominik Klaes ist Physiotherapeut und Personal Trainer in Heidelberg. Er behandelt in seiner Praxis für Physiotherapie in der Heidelberger Weststadt vor allem Patienten mit Beschwerden des Bewegungsapparates (Gelenke, Muskeln, Faszien, Bänder, Sehnen, Bandscheiben etc.).

 

Neben der Physiotherapie und Krankengymnastik in Heidelberg betreut er leistungsorientierte Wind- und Kitesurfer per Online-Sprechstunde und Videotherapie in ganz Deutschland. Weitere Informationen zu Dominik Klaes gibt es unter dem Menüpunkt über mich.

 

Nützliche Links zum Thema und Bildverweise

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Quellen für Artikel Titel: XYZ

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Bild Ärztin mit Spritze CDC on Unsplash
Bild Ärztin auf dem Tisch sitzend National Cancer Institute on Unsplash