· 

Sensation Seeking in Physiotherapie, Prävention und Rehabilitation

Die Lust am Risiko und ihre Auswirkungen auf Gesundheitsverhalten

fDie Lust am Risiko oder auch Sensation Seeking genannt, kann großen Einfluss auf das individuelle Gesundheitsverhalten ausüben. Insbesondere im Bereich von Suchterkrankungen, Substanzmissbrauch (Alkohol, Zigaretten) oder Verhalten im Straßenverkehr (zu schnelles Fahren, Fahren unter Alkoholeinfluss etc.) ist das Konzept des Sensation Seeking vielfach untersucht. Dieser Artikel bearbeitet die Frage, ob sich Erkenntnisse des Sensation Seeking auch auf den Bereich der Physiotherapie, Prävention und Rehabilitation übertragen lassen könnten. Diese Ausarbeitung gibt Orientierung bei den Fragen:

  • Was ist Sensation Seeking (Lust am Risiko) eigentlich?
  • Lässt sich die Lust am Risiko messen (Sensation Seeking Scale)?
  • Wie lassen sich Risikosuchende Personen beschreiben oder erkennen?
  • Praktischer Nutzen des Wissens über Sensation Seeking in Prävention und Therapie

Sensation Seeking: Was ist das eigentlich?

Sensation Seeking ist definiert „durch das Suchen nach verschiedenartigen, neuen, komplexen und intensiven Eindrücken und Erfahrungen sowie durch die Bereitschaft, um solcher Erfahrungen willen physische, soziale, legale und finanzielle Risiken in Kauf zu nehmen.“ (Spielberger, 1972, S. 67). Mithilfe des Begriffes Sensation Seeking werden bestimmte Persönlichkeitspsychologische Merkmale, also Verhaltensdispositionen beschrieben.

Diese Merkmale werden in wechselnden situativen Zusammenhängen mit gewisser Konstanz sichtbar (Möller, Hell & Kröber, 1998, S. 487). Zuckermann geht von einer dynamischen Interaktion zwischen gegebener Situation und Verhaltensdispositionen in entsprechenden Situationen aus. Ziel der Verhaltensweisen ist es, eine Art innerpsychische Ausgeglichenheit zwischen Anspannung und Entspannung (hedonischer Tonus) zu erzeugen, um sich wohlzufühlen.

 

Personen mit hohen Sensation Seeking Werten suchen überdurchschnittlich oft nach immer wieder neuen, stimulierenden Situationen. Ausschlaggebend für den positiven Verstärkungswert der Stimulation für das Individuum sind die Sinneseindrücke sowie deren kognitive Bewertung. Die Höhe des Verstärkungswertes hängt nicht von der Stärke der Stimulation, sondern von der kognitiven Bewertung der Situation ab.

Entscheidend hierfür sind Komplexität und Ungewöhnlichkeit oder Neuheit. Die Situation als solche hat im Konzept des Sensation Seeking keine objektive Bedeutung, was als „Sensation“ empfunden wird, ergibt sich aus der subjektiven Bewertung (kognitive Repräsentation) (Möller et al., 1998, S. 487). Weiterhin scheinen Low Sensation Seeker eher eine Umgebung von Vorhersagbarkeit und Ordnung zu benötigen, High Sensation Seeker suchen eher nach Unabhängigkeit von anderen, Veränderung und benutzen ihr soziales Umfeld teils zur Selbstdarstellung (Roth & Hammelstein, 2003, S. 8).

Individuen mit erhöhten Ausprägungswerten der Eigenschaft Sensation Seeking wird zugeschrieben, dass sie intensive Stimuli besser vertragen (sowohl neurophysiologisch als psychologisch) (Zuckerman, Buchsbaum & Murphy, 1980, S. 187–188).

 

Zuckerman (1984, S. 417–431) sprach in Weiterführung seiner Theorie davon, dass „Sensation Seeker“ eine niedrige Noradrenalinaktivität in ihrem limbischen Hirn aufweisen könnten, genauer gesagt, dass ihr noradrenerges System weniger empfindlich gegenüber Stimuli sein könnte. Dies würde bedeuten, dass Sensation Seeker auf der Suche nach fortwährender Stimulation wären, um ihr eher niedriges Level an Katecholaminaktivität zu erhöhen, dies wiederum hätte ein erhöhtes Wohlbefinden zur Folge.

Die Theorie des habituell niedrigen tonischen arousal niveaus konnte bis dato nicht bestätigt werden (Roth & Hammelstein, 2003, S. 11–12). Die Zusammenhänge von Sensation Seeking und biologischen Faktoren werden nach wie vor kontrovers diskutiert, ein Konsens ist bisher nicht abzusehen. Demzufolge wird an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen. Das Merkmal Sensation Seeking verändert sich im Laufe des Lebensalters und hat im Alter von 17 – 19 Jahren sein Maximum erreicht.

Ab diesem Zeitpunkt fallen die Werte stetig ab. Geschlechtsabhängige Unterschiede bestehen lediglich im Bereich des „Thrill and Adventure Seeking“, Frauen zeigen hier geringere Merkmalsausprägungen. Geschlechtsabhängige Unterschiede in anderen Teilbereichen waren nicht aufzuzeigen (Ball, Farnill & Wangeman, 1984, S. 264–265).

Sensation Seeking messbar machen: die Sensation Seeking Scale

Um das Ausmaß des Sensation Seeking zu quantifizieren, entwickelte Zuckerman die Sensation Seeking Scale (SSS). Die ursprüngliche Idee war „eine Operationalisierung des Konstruktes optimaler Stimulationsgrad zu erhalten“ (Roth & Hammelstein, 2003, S. 77). Sie wurde seit ihrer erstmaligen Publikation 1978 von Zuckerman mehrfach verändert und angepasst. Die aktuellste und international am häufigsten verwendete Form ist die SSS-V, sie besteht aus 40 Items, die sich gleichmäßig auf vier Faktoren aufteilen (Roth & Hammelstein, 2003, S. 12–14).

 

Diese vier Faktoren sind, Thrill and Adventure Seeking (Suche nach Spannung und Abenteuer durch riskante, aufregende Tätigkeiten wie bestimmte Sportarten oder schnelles Fahren), Experience Seeking (Präferenz eines nonkonformistischen Lebensstils; Suche nach neuen Erfahrungen), Disinhibition (Suche nach Enthemmung z.B. mithilfe von sozialem Trinken, vermehrten sozialen Aktivitäten), Boredom Susceptibility (Das unangenehme betroffen sein durch Langeweile, die Abneigung gegenüber monotonen Situationen mit der Reaktion vo Ruhelosigkeit).

Die SSS-V sieht sich teils Kritik ausgesetzt, so wird beispielsweise kritisiert, dass risikofreudige Verhaltensweisen stark zeit-, kultur- und modeabhängig sind (Möller et al., 1998, S. 490).

Versuch einer Personenbeschreibung mit hohen Werten der Sensation Seeking Scale

Thomas ist 17 Jahre alt und hat gerade den Motorradführerschein gemacht. Bis er 18 ist, darf er nur mit einer gedrosselten Maschine fahren. Er hat sich ein gedrosseltes Motorrad gekauft und die Drosselung direkt ausgebaut. Thomas liebt Geschwindigkeit, mit dem Motorrad in Rennfahrermanier durch die Landschaft zu brausen, ist für ihn das größte. Thomas fühlt sich sicher auf seinem Motorrad, er genießt das Gefühl von Geschwindigkeit und Nervenkitzel.

Da Thomas noch in der Probezeit seines Führerscheines ist, gilt für ihn die Null Promille Grenze. Er sieht das nicht so eng, er hat schon einige Vorerfahrungen mit Alkohol. Seiner Meinung nach beeinträchtigt Alkohol seinen Fahrstil kaum. Da Thomas gerne über die Stränge schlägt, kommt es auch mal vor, dass er betrunken nach Hause fährt. Sorgen erwischt zu werden hat Thomas nur gering und etwas macht ihm das Risiko sogar Spaß.

Manche seiner Klassenkollegen reden schlecht über ihn, weil er teilweise so viele Risiken eingeht. Ihm ist das egal, er will ein intensives, spannendes und abwechslungsreiches Leben führen, die Meinung von Langweilern hat für ihn keine Bedeutung.

Sensation Seeking in Prävention und Gesundheitspsychologie

Gesundheitspsychologisch betrachtet scheint das Konzept des Sensation Seeking Verbindungen mit gesundheitlichem Risikoverhalten zu zeigen (Spielberger, 1972, S. 68–72). So zeigten Untersuchungen  Zusammenhänge zwischen hohen Sensation Seeking Werten und dem Konsum von Zigaretten, Drogen, übermäßigem Alkoholkonsum, überschnellem Autofahren, riskanterem Fahrstil, häufigerem Fahren mit Intoxikation (i.R. Alkohol), der Ausübung riskanter Sexualpraktiken sowie dem Ausüben riskanter Sportarten (Möller et al., 1998, S. 491).

Zusammengefasst lässt sich also festhalten, dass die Verhaltensdisposition Sensation Seeking mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zu potenziell gesundheitsschädlichem und riskantem Verhalten vergesellschaftet zu sein scheint (Suls & Rittenhouse, 1987, S. 164).

 

Hohe Sensation Seeking Werte könnten also als relativer Risikofaktor für gesundheitsschädliches Verhalten angesehen werden. Mithilfe dieses Wissens ließen sich evtl. zukünftig spezielle Risikogruppen identifizieren. Diese könnten wiederum speziellen Präventionsprogrammen zugeführt werden. Risikosportler könnten so etwa über ihr erhöhtes Verletzungsrisiko durch eine evtl. zu hohe Inkaufnahme von Risiken informiert werden.

Der Sportler hätte so die Möglichkeit, sein Verhalten zu hinterfragen und evtl. in entsprechenden Situationen sein Risikoverhalten zu modifizieren. In Bezug auf den Konsum von Zigaretten, Alkohol und Drogen, riskantes Sexualverhalten sowie Fahrverhalten, könnte es evtl. sinnvoll sein, die Gruppe der High Sensation Seeker mit speziellen Präventionsprogrammen zu adressieren.

Wie genau diese geartet sein müssten, um die Personengruppe der High Sensation Seeker auch zu erreichen, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Wahrscheinlich wäre es jedoch sinnvoll, bei diesen Präventionskonzepten nicht unbedingt den Risikoaspekt in den Vordergrund zu stellen.

 

Da das enthaltene Risiko Teil der Reizgebung (kognitive Bewertung) ist, könnte es sinnvoller sein, sich auf Handlungs-Ergebniserwartungen zu konzentrieren. Interessanterweise zeigen sich jedoch nicht nur negative Auswirkungen von hohen Sensation Seeking Werten auf die Gesundheit. Eine Untersuchung von De Brabander et al. (1996, S. 1310) zeigte bei Testpersonen mit hohen Ausprägungen der Thrill und Adventure Seeking Skala signifikant weniger Stressbelastungen.

Es wird in Bezug auf diese Ergebnisse angenommen, dass High Sensation Seeker evtl. übe Formen der Belastungsbewältigung verfügen, die protektive Zwecke erfüllen könnten.

Fazit: Erkenntnisse aus Sensation Seeking teils übertragbar

Die Bedeutung des Konzeptes Sensation Seeking für den Bereich Gesundheitspsychologie sollte weiter erforscht werden. Die bisherigen Erkenntnisse lassen sich nutzen, um bestimmte Risikogruppen zu identifizieren und evtl. auf diese Risikogruppen zugeschnittene Präventionskonzepte zu entwickeln. Diese Konzepte gilt es zu entwickeln und auf die individuellen Bedürfnisse der Gruppe der High Sensation Seeker zuzuschneiden. Weiterhin spannend zu erforschen wäre der Gesichtspunkt, ob hohe Sensation Seeking Werte evtl. auch Gesundheitsprotektive Aspekte erfüllen könnten.

Passend zum Thema:

Autor: Physiotherapeut in Heidelberg Dominik Klaes

Dominik Klaes Physiotherapeut, Krankengymnast, Personal Trainer aus Heidelberg
Physiotherapeut Dominik Klaes

Dominik Klaes ist Physiotherapeut, Krankengymnast und Personal Trainer in Heidelberg. Er behandelt in seiner Praxis für Physiotherapie Heidelberg, genauer gesagt in der Heidelberger Weststadt insbesondere Patienten mit Beschwerden des Bewegungsapparates (Gelenke, Muskeln, Faszien, Bänder, Sehnen, Bandscheiben etc.) mit Strategien der Physiotherapie, Krankengymnastik & Personal Training.

 

Neben der Physiotherapie, Krankengymnastik, Manuelle Therapie und Personal Training in Heidelberg betreut er leistungsorientierte Wind- und Kitesurfer in der Surfer-Sprechstunde (Online und Videotherapie) in ganz Deutschland. Weitere Informationen zu Dominik Klaes gibt es unter dem Menüpunkt über mich.

Quellenangabe:

Spielberger, C. D. (1972). ANXIETY AS AN EMOTIONAL STATE (Springer- Lehrbuch). In B. Renneberg & P. Hammelstein (Hrsg.), Anxiety (S. 23–49). Berlin, Heidelberg: Elsevier. doi:10.1016/B978-0-12-657401-2.50009-5

 

Möller, A., Hell, D. & Kröber, H. (1998). Sensation Seeking - Kritische Sichtung eines persönlichkeits-psychologischen Konzepts und seiner Anwendungen. Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie, 66 (11), 487–495.doi:10.1055/s-2007-995289

 

Roth, M. & Hammelstein, P. (2003). Sensation Seeking - Konzeption, Diagnostik und Anwendung.
Göttingen u.a.: Hogrefe.

 

Zuckerman, M., Buchsbaum, M. S. & Murphy, D. L. (1980). Sensation seeking and its biological correlates. Psychological Bulletin, 88 (1), 187–214.

doi:10.1037/0033-2909.88.1.187

 

Zuckerman, M. (1984). Sensation seeking: A comparative approach to a human trait. Behav. Brain. Sci, 7 (May 2016), 413. doi:10.1017/S0140525X00018938

 

Ball, I. L., Farnill, D. & Wangeman, J. F. (1984). Sex and Age-Differences in Sensation Seeking - Some National Comparisons. British Journal of Psychology, 75 (MAY), 257–265.

 

Suls, J. & Rittenhouse, J. D. (1987). Personality and Physical Health: An Introduction. Journal of Personality, 55 (2), 155–168. doi:10.1111/j.1467-6494.1987.tb00433.x

 

De Brabander, B., Hellemans, J., Boone, C. & Gerits, P. (1996). Locus of control, sensation seeking, and stress. Psychological reports, 79 (3 Pt 2), 1307–12. doi:10.2466/pr0.1996.79.3f.1307