Psychologie: das eigene Stresslevel beeinflussen

Die Gesundheitspsychologie zeigt: das eigene Stresserleben ist beeinflussbar.

Stress ist ein häufig verwendeter Begriff, nicht selten werden damit sehr verschiedene Zustände beschrieben. Auch für viele meiner Patienten sind stressende Ereignisse im privaten oder beruflichen Leben eine Belastung. Nicht selten erschwert dies eine erfolgreiche Therapie. Auch das Verändern von Lebensgewohnheiten wird in Zeiten mit hohem Stresslevel deutlich erschwert. In der Gesundheitspsychologie gibt es verschiedene Herangehensweisen an das Thema Stress. Ein bewährtes Modell zur Betrachtung von Stress ist das „Transaktionale Stressmodell nach Lazarus“.

 

Das Transaktionale Stressmodell nach Lazarus

Bei der Analyse von Stress und Arbeitsleistungen hat das transaktionale Stressmodell zentrale Bedeutung. Kernpunkt ist die Verschiedenartigkeit der Einschätzung bzw. der Bewertung von Situationen. Menschen verfügen über unterschiedliche Bewältigungskompetenzen und Strategien und gehen mit ähnlichen Situationen unterschiedlich um. So kommen zur individuellen Sichtweise auch unterschiedliche Strategien und Bewältigungskompetenzen hinzu. Diese wiederum wirken auf die jeweilige Situation und Person zurück. Der Begriff „transaktional“ bedeutet in diesem Fall, „dass die Ausgangsgrößen (Situation, Person) im Laufe des Prozesses der gegenseitigen Einwirkung verändert werden.“ (Myers, 2014, S. 797). Das Transaktionale Stressmodell analysiert Bewältigungsstrategien, verschiedene Sichtweisen, sowie Kompetenzen und deren zeitliche Veränderung.

 

Die Rolle der Bewertung im Transaktionalen Stressmodell

Die subjektive Bedeutung und die damit einhergehende Bewertung der Ereignisse ist das entscheidende Element im Transaktionalen Stressmodell. Emotionen werden als Reaktionen auf diese Ereignisse verstanden. Hierbei unterscheidet man zwischen einem primären und sekundären Bewertungsprozess. Die primäre Bewertung berücksichtigt Ereignisse der Umwelt, die sekundäre Bewertung die eigenen Möglichkeiten zur Bewältigung. Da Ereignisse im ersten Moment falsch bewertet werden können, wird die Erstbewertung in einem zweiten Schritt spezifiziert oder korrigiert (sog. reappraisal). Informationen werden in der primären Bewertung anhand der Bedeutung für das eigene Wohlbefinden bewertet.

 

Zuerst stellt sich die Frage, ob eine emotionale Reaktion erfolgt (Zielrelevanz: Ist das Ereignis für die Zielerreichung von Bedeutung?). Ob diese emotionale Reaktion positiv oder negativ ausfällt, ist abhängig von der Schaden-Nutzen-Beurteilung (Zielkongruenz: Nützt oder schadet es bei der Zielerreichung?). Von welcher Qualität die emotionale Reaktion ist, entscheidet sich in der Bewertungsdimension des Zielinhalts (Welches der eigenen Ziele ist betroffen?). Die emotionale Erfahrung resultiert aus der Interaktion von Erregungsniveau und Art der Bewertung. Bewertungen können sowohl bewusst als auch unbewusst ablaufen.

 

Ansatzpunkte zur Stressbewältigung

Psychologisch könnte man Stress unterteilen in Stressoren (zum Beispiel Katastrophen), Stressreaktionen (emotionale Reaktionen auf Ereignisse) und Stress (Prozess, mit dem Individuum auf Umwelt reagiert). Stress ist ein Prozess, durch den Menschen Bedrohungen und Herausforderungen aus der Umwelt bewerten und bewältigen. Entscheidend für die Entstehung ist hierbei weniger das Ereignis selbst, als die Interpretation durch das Individuum. Wichtig ist, dass nicht jede Form von Stress etwas Negatives ist. kurz wirkende Stressoren, die als Herausforderung wahrgenommen werden, können positive Effekte haben. Stress kann, vor allem wenn er besonders stark ist oder sehr lange andauert, negative Konsequenzen haben. Insbesondere der Prozess der Neubewertung birgt das Potenzial zur Reduktion des Stresserlebens, der physiologischen Erregung und zur Verbesserung der Konzentration.

 

Kommt ein Individuum in seinem Bewertungsprozess zu der Überzeugung, dass die Anforderung einer Situation die eigenen Möglichkeiten zur Bewältigung übersteigt, entsteht schädlicher Stress (Distress). Entsteht die Einschätzung, dass die Anforderungen einer Situation zu bewältigen sind, wird diese häufig als Herausforderung erlebt (Eustress). Während des gesamten Prozesses findet ein stetiger Abgleich (Neubewertung) zwischen den verfügbaren Fähigkeiten sowie vorhandenen Gefahren oder Schäden statt.

 

Mithilfe des Transaktionalen Stressmodells lassen sich mehrere Ansatzpunkte zur Bewältigung von Stress erarbeiten. Die Umbewertung der Ausgangslage durch kognitive Umstrukturierung ist eine Möglichkeit. Hierbei kann es darum gehen, weniger die negativen und eventuell bedrohlichen Seiten einer Situation zu sehen, sondern sich mehr auf die positiven zu konzentrieren. Vorhandene Bewältigungsressourcen zu stärken ist ein weiterer Ansatz zur Stressreduktion. Hierbei können sowohl neue Bewältigungsstrategien als auch, deren situativ angemessener Einsatz trainiert werden. Rechtzeitige Wahrnehmung von Stresssignalen sowie ein gutes Gespür für die eigenen physischen und psychischen Stressreaktionen können dabei helfen, Stress frühzeitig entgegenzusteuern. Durch diesen Vorgang wird auch das Erkennen Stress auslösender Situationen trainiert. Die Identifizierung der individuellen Stresssituationen ist ebenfalls als Ansatz für Stresspräventionsprogramme geeignet.

 

Formen der Stressbewältigung

Unter coping verstehen Lazarus und Folkman (1984) die Bewältigung von Stress. Sie beschreiben problem- und emotionsorientiertes coping. Das problemorientierte coping zielt darauf ab, dass das Problem abgeschwächt oder umgangen wird. Emotionsorientiertes coping bewirkt eine Anpassung an eine Stresssituation, indem emotionale Reaktionen reguliert werden (Distanzierung, selektive Aufmerksamkeit, positive Umdeutung, sportliche Betätigung, Meditation). So verändert sich die Bedeutung/ Bewertung des Ereignisses, ohne dass sich das Ereignis als solches verändert hat. Diese coping Formen können in gewisser Weise gleichzeitig ablaufen und schließen sich nicht aus.

 

Wenn das Stress auslösende Ereignis bewältigt wurde (unabhängig vom Ergebnis) findet in der Regel eine Neubewertung (reappraisal) statt. Lazarus beschreibt diese Neubewertung als möglicherweise sogar effektivste, kognitive Bewältigungsstrategie. Wichtig scheint es vor allem zu sein, die Bewältigungsstrategien flexibel einzusetzen. Vermeidende Strategien (zum Beispiel Verleugnung oder Distanzierung) gelten als eher kurzfristig wirksam, konfrontative Strategien werden durch ihre langfristigere Wirkung als vorteilhafter beschrieben.

 

Zusammenfassung:

Zusammengefasst bleibt die Erkenntnis, dass sich fast jede stressende Situation durch einen selbst beeinflussen lässt. Sei es dadurch, dass man den Stressor beseitigt oder dadurch, dass man ihm mit einer veränderten inneren Haltung gegenübertritt. Machtlos ausgeliefert sind wir dem Stress offenbar nicht.

 

Quellen:
Myers, 2014 Psychologie S. 797

Lazarus und Folkman 1984 Stress: Appraisal and Coping

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